Kolumne: „Unsere Uni #18: „Fachkräftemangel“ – aber Kürzungen bei der Bildung?“

Googelt man den Begriff „Fachkräftemangel“, finden sich fast täglich Dutzende Artikel in Tageszeitungen oder auf Nachrichtenportalen, in denen PolitikerInnen, Arbeitgeberverbände und deren ThinkTanks über das Fehlen qualifizierter Arbeitskräfte lamentieren. Und sogar die Union kann sich in diesem Zusammenhang manchmal dazu durchringen, den Fakt des Einwanderungslandes BRD zur Kenntnis zu nehmen und spricht sich für die Anwerbung ausländischer Fachkräfte aus.

Die Badische Zeitung berichtete kürzlich, dass durch die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) aufgrund des Fachkräftemangels 100 tunesische AkademikerInnen nach Deutschland geholt wurden. Die GIZ, das sei am Rande erwähnt, ist vom damaligen FDP-Minister Dirk Niebel als zentrale Entwicklungshilfe-Organisation neugegründet worden. Ob die Abwerbung von hochqualifizierten Arbeitskräften als Entwicklungshilfe bezeichnet werden sollte, darf freilich bezweifelt werden. Und über die Bezahlung der TunesierInnen, die in Deutschland eine Anstellung gefunden haben, schweigt sich die Badische Zeitung aus. Dabei ist dieses Detail entscheidend, will man einen Fachkräftemangel nachweisen. Denn würde tatsächlich die Nachfrage nach Arbeitskräften das Angebot übersteigen, so müssten nach marktwirtschaftlichen Mechanismen doch die Preise für die Arbeitskraft, also die Löhne, in die Höhe schnellen. Das tun sie aber nicht.

Auswanderer entscheiden sich gegen das Niedriglohnland BRD

Nehmen wir zum Beispiel die Pflegeberufe: Nach Angaben von Arbeitgebern fehlen in Krankenhäusern und Altersheimen Tausende Fachkräfte. Angesichts der grassierenden Erwerbslosigkeit in vielen europäischen Ländern sollte es kein Problem sein, dort Arbeitskräfte zu finden. Mittlerweile sucht die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit aber in China und den Philippinen nach Pflegekräften für Deutschland. Polnische, tschechische oder ungarische Auswanderer machen nämlich inzwischen einen Bogen um das Niedriglohnland BRD und entscheiden sich lieber für Österreich, Skandinavien oder Großbritannien.

Was die Wissenschaft angeht, hat die „Expertenkommission Forschung und Innovation“ (EFI) gerade in ihrem Gutachten festgestellt, dass mehr ausgebildete WissenschaftlerInnen Deutschland verlassen, als zuwandern. Angesichts der prekären Beschäftigungsbedingungen kann das wohl niemanden wirklich wundern – das konstatiert mittlerweile sogar die Expertenkommission, denn Befristungen, schlechte Bezahlung und unsichere Perspektiven sind im deutschen Wissenschaftsbetrieb der Normalfall: Laut der Bildungsgewerkschaft GEW sind 90 Prozent des wissenschaftlichen Personals an Hochschulen nur befristet beschäftigt, die Mehrheit davon mit Laufzeiten von unter einem Jahr.

„Akademisierung gefährde den Wohlstand“

Gleichzeitig beklagen sich Arbeitgeber und Konservative über die steigenden Studierendenzahlen und blasen zum Angriff gegen die zunehmende und „den Wohlstand gefährdende“ Akademisierung der Bildungswege und Berufe. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Thomas Feist erklärte kürzlich: „Ein gelingendes Berufsleben benötigt keinen Hochschulabschluss. Bereits jetzt arbeiten 21 Prozent der Akademiker in Berufen, für die kein Studium notwendig ist.“ Er will „Umwege über die Universität“ in den Beruf vermeiden – so als ob dieser „Umweg“ nachteilig wäre für die Qualifikation der Arbeitskräfte oder die Wirtschaft am Überangebot von AkademikerInnen zugrunde gehen würde. Laut einer OECD-Studie von 2011 verfügt ein Viertel der Deutschen im Alter zwischen 25 und 34 Jahren über einen Hochschulabschluss, in Frankreich sind es dagegen 43,2 Prozent, in Kanada sogar 56,1 Prozent.

Wer nun gegen die in den letzten Jahren gestiegene Studierneigung und kontinuierlich steigende Studierendenzahlen wettert, sucht nicht nur verzweifelt Argumente, um die chronische Unterfinanzierung des Hochschulsystems zu rechtfertigen – tatsächlich fürchten Arbeitgeber und ihre konservativen Verbündeten wohl auch die Gehaltsvorstellungen von gut ausgebildeten Arbeitskräften. Das Gerede vom Fachkräftemangel genauso wie das von der vermeintlichen Über-Akademisierung spiegelt letztlich vor allem die Sorge, den Beschäftigten ordentliche Arbeitsbedingungen und faire Löhne bieten zu müssen. In Wahrheit gibt es keinen Mangel an „Fachkräften“, sondern an anständiger Bezahlung.