Kolumne: „Unsere Uni #11: Wo sind sie hin – die kritischen Uniseminare und Institute? – Appell für eine Kritische Wissenschaft“

Seit dem Frühjahr 2012 wird die Universität Zürich von einer der weltweit größten Banken gesponsert. Nicht weniger als 100 Millionen Franken will die Union Bank of Switzerland unter anderem in ein eigenes Forschungszentrum auf dem Campus stecken: das „UBS International Center of Economics in Society“. Nun ist die UBS nicht unbedingt dafür bekannt, uneigennützig großzügige Geschenke zu machen, und darum wandten sich am Anfang dieses Jahres 27 Professorinnen und Professoren mit dem „Zürcher Appell“ an die Öffentlichkeit: Die Unabhängigkeit der Lehre und Forschung an den Universitäten sei in Gefahr. Kooperationen von Unternehmen und Hochschulen seien heute zum „Normalfall“ geworden und deshalb stellen sie die Frage: „Welche Funktion hat eine Universität in der Gesellschaft?“. Damit trifft der Appell den wunden Punkt des neoliberalen Hochschulumbaus.

Das Beispiel der Wirtschaftswissenschaften macht deutlich, warum über genau diese Frage gesprochen werden sollte. Während die Weltwirtschaftskrise mit platzenden Schrottkrediten, übermächtigen Ratingagenturen und Staatsbankrotten das Versagen der Marktmechanismen deutlich macht, wird an den Hochschulen nach wie vor das Modell des „homo oeconomicus“ gelehrt und von der „unsichtbaren Hand“ geträumt, die den Markt „schon regeln werde“. Obwohl die aktuelle Krise abermals belegt, dass die neoklassischen mathematischen Modelle keinen relevanten Beitrag liefern – die etablierten Wirtschaftswissenschaften hatten die Krise weder kommen sehen, noch sind sie jetzt in der Lage, Lösungen zu formulieren – spielt eine heterodoxe Ökonomie, spielen Theorieansätze, die vom neoliberalen Mainstream abweichen, an den Hochschulen kaum eine Rolle. Auf Spiegel Online wandten sich darum enttäuschte VWL-StudentInnen mit der Frage „Warum bringt uns keiner die Krise bei?“ an ihre ProfessorInnen. Doch die meisten WirtschaftswissenschaftlerInnen stellen sich lieber blind und taub, anstatt mal bei Marx oder meinetwegen auch Keynes nachzublättern oder das axiomatisch gesetzte Wachstumsparadigma in Frage zu stellen.

Die kritische Hochschule gibt es nicht mehr

Und die Wirtschaftswissenschaften sind kein Einzelfall. In vielen Fächern gehen Forschung und Lehre an wesentlichen gesellschaftlichen Fragestellungen vorbei. Dabei gäbe es genügend Herausforderungen: Klimawandel, Nahrungsmittelverteilung, Ressourcenknappheit, Verstädterung und Landflucht, Ausbeutung und vieles mehr. Diese Probleme sind nicht in erster Linie technischer, sondern vor allem gesellschaftlicher Natur und müssten darum gesellschaftskritisch analysiert werden. Doch von der Funktion einer unabhängigen und kritischen Institution in der Demokratie ist die Hochschule heute leider weit entfernt. Das war mal anders. Wo sind sie hin – die kritischen Seminare und Institute, die Herrschaftsverhältnisse hinterfragen? Wo sind die NachfolgerInnen derjenigen Profs und DozentInnen, die ’68 als Studierende auf den Barrikaden standen?

Die Hochschulreformen in den letzten Jahren hatten vor allem ein Ziel: die Ausrichtung von Bildung und Forschung auf wirtschaftliche Verwertbarkeit. Bei den Studiengängen geht es seither um „employability“, also um die Ansprüche des Arbeitsmarktes. Und eine kapitalismuskritische Vorlesung, die die Rolle der Banken in der Wirtschaftskrise hinterfragt, trägt eben nicht dazu bei, später einen Job bei eben diesen zu finden. Auch die Verkürzung der Regelstudienzeit und die gestufte, modularisierte Studienstruktur haben zum Rückgang kritischer Lehre beigetragen. Wer schon durch die Pflichtveranstaltungen eine 35-Stunden-Woche hat, wird sich eher selten zusätzlich in ein Seminar setzen, bei dem Gentrifizierung nicht Aufwertung sondern Verdrängung heißt.

Forschung nach Profit ausgerichtet

Und die Hochschulleitungen folgen dem Konzept der „unternehmerischen Hochschule“, der Idee, Hochschulen seien nach betriebswirtschaftlichen Kriterien zu führen. Kombiniert mit der jahrelangen Unterfinanzierung des Hochschulsystems treibt das die Hochschulen in die Arme der finanzstarken Großunternehmen. Von T-Mobile und der Commerzbank bis hin zu EADS und BMW – Deutschlands Konzerne sichern sich den Zugriff auf die öffentliche Forschung. Und die ebenso peinlichen wie offensichtlichen Namen, die dann durch diese Kooperationen entstehen – vom Google-Institut über die VW-Bibliothek bis zum Aldi-Hörsaal – lassen die Unterschiede zwischen gesponserten Fußballstadien und Hochschulen nur noch marginal erscheinen.

Die seitdem zunehmende Einseitigkeit der inhaltlichen und methodischen Ausrichtung ist evident. Geforscht wird dort, wo der Profit winkt. Wenn bei der Endlagerfrage von Atommüll E.on Auftraggeber ist, oder die Deutsche Bank einen Lehrstuhl für „Finance“ finanziert, dann ist oft schon in der Fragestellung angelegt, welches Ergebnis herauskommt. Lehre und Forschung, die einen Beitrag leisten wollen für die Interessen der Mehrheit und der Gesamtgesellschaft, müssten genau diesen Imperativ der Profitmaximierung und der fortgesetzten Kapitalverwertung in Frage stellen, anstatt die eigene Zielsetzung auch noch daran auszurichten.

Die Ausfinanzierung des Hochschulsystems mit öffentlichen Mitteln ist Voraussetzung für die Unabhängigkeit der Wissenschaft von mächtigen Einzelinteressen und dafür, dass die Hochschulen nicht zu Profitmaschinen für Unternehmen, sondern zu gesellschaftskritischen Forschungs- und Lehrinstitutionen werden. Es ist höchste Zeit für eine Wissenschaft, die abseits von Standort- und Wettbewerbspolitik das Allgemeinwohl im Blick hat.