Kolumne: „Unsere Uni #10: Prekarisierte aller Länder vereinigt Euch!“

An den Hochschulen ruht der größte Teil der Aufgaben auf den Schultern des wissenschaftlichen Mittelbaus – auf den Schultern derjenigen wissenschaftlich Beschäftigten, die keine ProfessorInnen sind: der größte Teil der Lehre, das Abnehmen von Prüfungen, inhaltliche und organisatorische Zuarbeit in der Forschung, bei Publikationen, bei Konferenzen bis hin zu Verwaltungsaufgaben etwa bei der Akquise von Drittmitteln.

Untersuchungen zufolge sind diese Beschäftigten mit dem Arbeitsklima, ihren Tätigkeitsinhalten und mit der Möglichkeit, ihre eigenen Ideen in die Arbeit einbringen zu können, sehr zufrieden. Die Aufstiegsmöglichkeiten, die Arbeitsplatzsicherheit und vor allem die Planbarkeit der Karriere hingegen schneiden allerdings ziemlich schlecht ab. Kein Wunder – schließlich waren im Jahr 2009 83 Prozent der angestellten hauptberuflichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Hochschulen in befristeten Verträgen beschäftigt. Und das Verhältnis von befristet zu unbefristet angestelltem Personal an allen Hochschularten hat sich von 3,6:1 (2000) auf 8:1 (2012) dramatisch verschlechtert.

Zukunft wissenschaftlicher MitarbeiterInnen oft ungewiss

Die Gründe für diese Entwicklung liegen auf der Hand: Im Jahr 2008 wurden 36 Prozent des gesamten hauptberuflichen wissenschaftlichen Personals und eine Mehrheit des befristeten wissenschaftlichen Personals aus Drittmitteln finanziert. Da Drittmittel aber eben nur für einen bestimmten Zeitraum die Finanzierung sichern, tragen sie natürlich dazu bei, dass die Anzahl an befristeten Stellen steigt. Befristete Mittelzusagen und leistungsbezogene Mittelvergabesysteme setzen Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen also unter erheblichen Druck, ihren Personalbestand zu „flexibilisieren“; der unbefristet beschäftigte wissenschaftliche Mittelbau wurde weitgehend abgeschafft.

Diese Deregulierung, zusammen mit einer völlig verkrusteten Personalstruktur an deutschen Hochschulen, die vor der Professur eigentlich keine WissenschaftlerInnen kennt, führen seit Jahren in die Sackgasse. Denn die Zukunftsperspektive Professur ist für die Mehrheit der Beschäftigten nur eine vermeintliche Perspektive: in den vergangenen 15 Jahren wurden 1500 Professuren abgewickelt – trotz steigender Studierendenzahlen; ganz logischerweise kann nicht jede wissenschaftliche Karriere in einer Professur münden. Bislang hangeln sich aber tausende von wissenschaftlichen MitarbeiterInnen mühsam von einem Vertrag zum nächsten, immer in der Hoffnung, irgendwann doch einmal eine Professur zu ergattern.

Gute Forschung braucht gute Arbeitsbedingungen

Befristete Beschäftigung im Angestelltenbereich ist also mittlerweile Standard. Mehr als die Hälfte der befristeten Arbeitsverträge von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern läuft darüberhinaus auch noch weniger als ein Jahr, ein weiteres Drittel kürzer als zwei Jahre. Die Durchschnittsvertragsdauer an Hochschulen beträgt mittlerweile lediglich 12,3 Monate.

Kurze Vertragszeiten haben natürlich auch immer eine kürzere Verweildauer zur Folge. Zurückgehende Beteiligung an der universitären Interessenvertretung oder an Betriebsratsarbeit sind die Folge.

Dass gute Forschung und Lehre guter Arbeitsbedingungen und beruflicher Perspektiven bedarf, dass Dauer-Aufgaben in der Wissenschaft auch dauerhafter Stellen bedürfen, sollte eigentlich der „Bildungsrepublik“ und dem „Wissenschaftsstandort Deutschland“ einleuchten. Aber die Initiativen der Bundesregierung, allen voran das Wissenschaftsfreiheitsgesetz, verschlechtern die Situation eher, als dass sie sie verbessern.

Bundesregierung ignoriert das Problem

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat mit dem „Templiner Manifest“ ein Allround-Lösungspaket zur Verbesserung der wissenschaftlich Beschäftigten an den Hochschulen geschaffen: Postdocs verlässliche Perspektiven geben, Daueraufgaben mit Dauerstellen erfüllen, prekäre durch reguläre Beschäftigung ersetzen, gleichberechtigte Mitbestimmung, alle Beschäftigungsverhältnisse tarifvertraglich aushandeln und zu guter letzt: Hochschulen und Forschung bedarfs- und nachfragegerecht ausbauen.

Die einzige, die sich allerdings konsequent dieser Problematik verweigert, ist natürlich die Bundesregierung! Die wissenschaftliche Mittelbau hat in den Studierenden mit Sicherheit einen verlässlicheren Partner- dafür müssen die Studierenden aber das Thema auch für sich entdecken. Grund genug ist vorhanden: Schließlich könnte sich sonst ein guter Teil von ihnen in der selben misslichen Lage wiederfinden!